Das Michelin Männchen
Wie sich aus einem Stapel Autoreifen ein weltweiter Markenbotschafter entwickelte
In der Welt der Werbung gibt es zahlreiche ikonische Figuren, die sich im kollektiven Gedächtnis der Verbraucher verankert haben, aber kaum eines ist so relevant wie das Michelin Männchen namens Bibendum (kurz: Bib). Seit seiner Einführung im Jahr 1898 repräsentiert das Reifenmännchen nicht nur die Marke Michelin, sondern revolutionierte auch die Art und Weise, wie Werbung Emotionen und Verbundenheit weckt.
1894
Dem Firmengründer Édouard Michelin fällt auf der Weltausstellung in Lyon einen Stapel verschieden großer Autoreifen auf, der mit einem weißen Tuch überzogen ist. Spaßhaft sagt er zu seinem Bruder Ándre: „Wenn er Arme hätte, sähe er fast wie ein Mensch aus.“
Was als Spaß begann, entwickelt sich schnell zu einer bereichernden Marketingstrategie für den französischen Reifenhersteller.

Nachdem das Männchen auf seinen ersten Werbeplakaten aus dem frühen 20. Jh. noch als Gladiator und Frauenheld dargestellt wurde, in der Hand einen Krug Bier oder eine Zigarette, entwickelte es sich im Laufe der Zeit zu einer Vorreiterrolle, das dem Verbraucher ein Gefühl von Sicherheit und Zuverlässigkeit vermittelt. Er hilft einer Familie mit einer Reifenpanne, treibt Sport und verzichtet auf das Rauchen. Dadurch verknüpft der Verbraucher Bibendum mit positiven Erfahrungen und Assoziationen, wie einem sicheren Fahrgefühl und der Freude am Reisen im Auto. Diese emotionale Verbindung ist entscheidend, denn sie beeinflusst die Kaufentscheidungen der Verbraucher. Werbung, die als Geschichte verkauft wird und Emotionen anspricht, bleibt länger im Gedächtnis und fördert die Markenloyalität.
Bibendum ist aber nicht nur verlässlich, er bringt die Konsumenten in humorvollen Situationen auf den Werbeplakaten zum Lachen und gewinnt Aufmerksamkeit durch seinen Humor. Humor ist ein effektives Werkzeug in der Werbung, da er die Aufmerksamkeit der Verbraucher auf sich zieht und ein positives Verhältnis zur Marke schafft. Wenn Menschen lachen, sie sind eher dazu bereit, sich mit der Marke auseinanderzusetzen und sie in Zukunft zu berücksichtigen.

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Doch wie hat es Bibendum geschafft bei den vielen Veränderung unserer Zeit stets relevant zu bleiben? Müsste es nicht längst von der Zeit überholt worden sein? Die Antwort auf diese Frage kann ausdrücklich mit Nein beantwortet werden, denn das Michelin Männchen hat sich im Laufe der Jahre weiterentwickelt. Es ist längst nicht mehr nur in der französischen Kultur präsent, sondern hat sich weltweit etabliert und an verschiedene kulturelle Kontexte und Orte angepasst. So ist es nicht selten, dass man in Brasilien oder Thailand ein LKW an einem vorbeifährt, auf dem ein kleines Michelin Männchen zu sehen ist. Sogar der Einstieg in die digitale Welt ist Bibendum mit einem neuen Erscheinungsbild geglückt. Damit zeigt seine Anpassungsfähigkeit, dass Werbung nicht nur kreativ, sondern auch kulturell relevant sein sollte, um niemals den Anschluss an die aktuelle Lebenssituation ihrer Verbraucher zu verpassen.
Der Schlüssel zum Erfolg von Werbung besteht aus vielen Komponenten, sei es die emotionale Verbindung zwischen Verbraucher und Produkt, den Einsatz von Humor oder deren Anpassungsfähigkeit. Michelin beweist mit seinem Reifenmännchen heute sowie damals, dass erfolgreiche Werbung nicht nur verkauft, sondern auch Geschichten erzählt, die den Verbrauchern im Gedächtnis bleiben.

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